Visualisieren: das eigentliche mentale Training

Das perfekte Winter- oder Verletzungstraining.

Golf ist keine einfache Sache, es dauert lange, bis die Golftechnik ein gutes Niveau erreicht hat. Für Driver, Fairwayholz, Eisen, Pitches und Chips, Flopshots, Putts etc. sind unterschiedliche Ansprechpositionen und Schwungebenen notwendig. Im abfallenden oder steigenden Gelände ändern sich diese. Und fängt man an, die Flugbahnen zu formen, in schönen Kurven nach rechts oder nach links, kommen noch mehr Anhaltspunkte dazu. Beim Erlernen und Einüben bis Automatisieren der verschiedenen Schläge ist es deshalb sehr hilfreich Anhaltspunkte zu haben. Mit dem Driver z.B. hole ich nach innen aus. Für einen Chip mit hohem Ballflug z.B. will ich eher von aussen zum Ball kommen. Mit dem Driver verlagere ich das Gewicht auf das hintere Bein und bringe es wieder nach vorne, für einen Chip belasse ich das Gewicht auf dem vorderen Bein.
Der Einbruch des Winters ist die perfekte Jahreszeit, sich die Anhaltspunkte bewusst werden zu lassen oder sie zu repetieren.

Je nachdem, über welche Wahrnehmungskanäle ich am besten reagiere, mache ich mir meine ganz persönliche Blaupause dieser Anhaltspunkte: diese kann visuell sein, so dass ich mich in der Vorstellung sehen kann, wie ich den perfekten Schlag ausführe. Anstelle meiner Selbst kann ich ein Modell nehmen, einen Lieblingsspieler oder den Golf-Pro und das Modell kopieren. Dabei sehe ich die Anhaltspunkte und ziehe sie nach. Die Blaupause kann aber auch kinästhetisch prägen, so dass ich in meinem Körper fühle wie es ist, wenn ich den perfekten Schlag ausführe und meine Anhaltspunkte einer nach dem anderen passiere. Sogar der Klang im Treffmoment kann ein Orientierungspunkt sein, das Zischen der Luft beim Probeschlag, das Knistern oder Rauschen beim Streichen des Grases und natürlich das schöne Geräusch, eines ins Loch fallenden Golfballes, an welches ich beim Putten oder Chippen denken kann.

Einüben der Technik mit mentalem Training unterstützen

Jack Nicklaus hat bekanntlich in seiner Vorstellung in Farbe wahrgenommen, wie er den Schlag ausführt und gefühlt wie sich sein Körper dabei anfühlt. Dann sah er vor seinem inneren Auge, wie der Ball fliegt, wo er landet und wohin er rollt, bevor er zum Ball trat.

Das Aufnehmen einer mentalen Vorstellung, die mentale Unterstützung beim Einüben des Bewegungsablaufs bis zur Automatisierung bringt Sicherheit und diese stärkt das Selbstvertrauen. Klappt es mal nicht mehr, denke ich an die Grundlagen, überprüfe die Anhaltspunkte und übe sie ein bis sie wieder automatisch ablaufen.


Foto CC BY-SA 2.0 HaraldMM www.flickr.com/photos/haraldmm/5099323721/

In der Sportpsychologie wird das mentale Training von Bewegungsabläufen neben das körperliche Training gestellt und umfasst das wiederholte Sich-Vorstellen eines sportlichen Handlungsablaufs, ohne die Handlung aktiv auszuüben. Eine Verbesserung des Bewegungsablaufs in der bewussten intensiven Vorstellung zieht eine Verbesserung des späteren, tatsächlich ausgeführten Bewegungsablaufs nach sich. Je lebhafter ich mir den Bewegungsablauf vorstellen kann, sei es über eine Visualisierung, ein im Körper Spüren, über Klänge und Töne oder am besten verschiedene Wahrnehmungskanäle kombiniert, desto grösser die erzielte Wirkung. Für ein wirksames Training ist ein Wechseln zwischen mentalem und körperlichem Training wichtig, um die Handlung in der Vorstellung immer wieder mit der körperlich ausgeführten Handlung abzugleichen. Solltest du also im Winter oder verletzungsbedingt zeitweise pausieren müssen, nimm die Gelegenheit wahr und stelle dir deine verschiedenen Schläge vor. Übe in der Vorstellung auf der Driving Range, geh in der Vorstellung über den Platz, spiele in der Vorstellung die Runde deines Lebens und mache es wie Pele, Chris Evert oder Nicklaus: nimm die Vorstellung mit auf den Platz, lebe sie und lasse sie Wirklichkeit werden.

Das mentale Training wird dir je länger je mehr helfen, dich über 18 Loch zu konzentrieren, klare Entscheidungen zu treffen, sicher an den Ball zu treten und den Schlag sicher auszuführen. Der Geist kann trainiert werden wie ein Muskel. Fange heute mit dem mentalen Training an, übe regelmässig und du werden staunen, wie sich die nächste Saison entwickeln wird.

Wahrnehmungsbogen

Blaupause mit Anhaltspunkten zum Kopieren oder Anpassen und selber Ausfüllen

Anhaltspunkte Wahrnehmung
Griff

Ansprechposition

Gewicht (%vorne/hinten)

Bewegungsinitialisierung

Gewicht (%vorne/hinten)

Rückschwung

Vorschwung einleiten

Gewicht (%vorne/hinten)

Vorschwung

Treffmoment

Endposition

Gewicht (%vorne/hinten)

Legende: Dieser Wahrnehmungsbogen hilft dabei, die ganz persönlichen Anhaltspunkte zu inventarisieren. Kopiere ihn oder passe ihn deinen Bedürfnissen an. Fülle ihn für jeden Schlag aus. So werden dir deine Anhaltspunkte bewusst. Nach mehrmaligem Üben kannst du jederzeit darauf zurückgreifen, dich daran erinnern und mehr und mehr darauf vertrauen.

Erstveröffentlichung: GolfCult, Ausgabe Herbst/Winter 2014/15.
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