Golf und Psyche

Auf einer Golfrunde erzählt man sich so Manches und lernt sich dabei recht gut kennen. Charakter und Temperament eines Menschen offenbaren sich nirgends so schnell und ungeschminkt, wie bei gemeinsamen 18 Loch, sagt man.
Golf scheint an die persönlichen Grenzen zu gehen, fordert den Menschen heraus, so dass er sichtbar wird, sich zeigen muss wie er ist und sich nicht verstecken kann.  Die Psyche kommt zum Vorschein und der Golfschlag offenbart, was sich unmittelbar vor dem Schlag im Kopf abspielte.

Nachdem ich Psychologie studiert, mehrere Zusatzausbildungen absolviert und jahrelang Yoga und Meditation geübt hatte, konnte ich, als ich vor 10 Jahren mit Golfspielen anfing, sofort alles anwenden, was ich je gelernt hatte. Golf spielen ist eine Herausforderung an den ganzen Menschen: Nur wenn Psyche, Geist und Körper trotz aller Einflüsse im Gleichgewicht gehalten werden können, gelingt mir mein bestes Golf.

Spiele ich mit mir Unbekannten in einem Flight und erzähle, was mich so beschäftigt und was ich beruflich mache, höre ich immer, „was, Sportpsychologin, ist ja spannend“. Meine Dienste nehmen aber nur wenige der zunächst interessierten Golfer/innen in Anspruch: Golfsportler/innen kümmern sich um ihre Schlagtechnik, Körperfitness oder Ernährung. Über ihre psychischen und mentalen Stärken machen sie sich höchst selten Gedanken. Dabei meinte schon Jack Nicklaus, Erfolg im Golf sei zu 90 Prozent mental begründet.

Klein Tiger wurde von Vater Woods provoziert bis zum Geht-nicht-mehr: Vater machte Lärm, störte Tiger mit zwischen die Füsse gerollten Bällen, brüllte Wasser rechts, Bunker links. Tiger war gezwungen zu fokussieren, sich zu konzentrieren. Und er lernte Vaters Störprogramm zu ignorieren, so gut, dass ihm Vater versicherte, er würde im Leben nie einem mental stärkeren Menschen begegnen. Inzwischen musste Tiger wegen seiner nun aller Welt bekannten Angelegenheiten viel einstecken, und ich schätze mal, er braucht ein wenig Zeit, um sich psychisch zu stabilisieren und um sich mental und physisch wieder zu sammeln.
Spielen zwei in ihren Fähigkeiten gleich starke Golfer gegeneinander Matchplay wird der psychisch ausgeglichenere und mental stärkere Golfer das Spiel gewinnen.
Technik ist für mich nicht unwesentlich. Ein technisch solides Spiel führt zum Erfolg – nur nicht allein. Der Golfball macht, was die physikalischen Einwirkungen im Treffmoment bei ihm auslösen. Magisches Beschwören im Nachhinein hilft nichts (oder vielleicht glaubst du daran und dann will ich es dir nicht ausreden…). Eine klare, determinierte Ausführung des Schlages nützt jedoch sehr. Zum Einen hängt die Ausführung von Technik, Fitness und Ernährung ab, zum Anderen wird sie stark vom Gemütszustand beeinflusst: Die Muskeln nehmen jede kleine Gesinnungsschwankung, Unsicherheit, Angst, jeden kleinen Zweifel oder angestauten Ärger auf und verhindern die freie Ausführung des Schlages.
 
„Golf erfordert mehr mentale Stärke, mehr Konzentration und mehr Entschlossenheit als jeder andere Sport.“
(Arnold Palmer)
 
Ein befreiter Schlag macht Freude, bringt mich dem Flow näher und vielleicht sogar in die Zone, wo ich alle Sorgen vergesse, eigentlich nichts mehr denke und alles wie von selber läuft.
Im Golf oder auch im Beruf erfolgreiche Menschen haben bestimmte, stark ausgeprägte Charaktereigenschaften und befolgen ein paar Grundsätze, die ich mir gerne immer mal wieder vor Augen führe:
Erfolgreiche glauben an sich und sind selten von Selbstzweifeln geplagt. Machen sie mal einen Fehler, wird der sofort vergessen. Jack Nicklaus konnte sich an den Shank nicht mehr erinnern, den die Sportjournalisten gesehen haben wollten. Den schlechten Schlag hatte er ein für alle mal aus dem Gedächtnis gestrichen und erzählte nur mehr von seinen guten Schlägen. Misserfolge werden ignoriert, Punkt.
Erfolgreiche visualisieren ihre Erfolge, sie nehmen sie sogar vorweg. Der grosse Fussballer Pele habe sich vor dem Spiel eine halbe Stunde lang zurückgezogen, sich mit einem Tuch über dem Kopf hingelegt und im eigens fabrizierten Kopfkino visualisiert, wie er Pässe annimmt, die Gegner ausdribbelt, zum Tor stürmt,  Goals erzielt und das Publikum in Jubel ausbricht. Das bestmögliche Ich imaginieren heisst hier die Losung.
Erfolgreiche setzen sich auf einer Zeitachse realistische Ziele, passen sie gegebenenfalls an und träumen von ganz grossen Zielen, für die sie richtig brennen und alles geben, nicht nur geben würden. Derart aus sich selber heraus motiviert, fällt es ihnen nicht schwer, konsequent, diszipliniert und hart zu üben und sich mit voller Konzentration ihren Zielen zu widmen. Die Ziele sollen herausfordernd und erreichbar sein.
Erfolgreiche meiden „schlechte“ Einflüsse, ob Menschen oder Umgebungen. Merken sie, dass sie etwas herunterzieht, wenden sie sich ab und suchen eine passendere Umgebung. Ob sie das arrogant oder freundlich tun und damit mitfühlende Mitmenschen abgeben, sei dahingestellt. Ein Stück von ihrem Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Glauben an sich selber können wir uns allemal einverleiben, denn mit Selbstzweifeln bringt es niemand richtig weit. Und ein bisschen weit wollen wir doch alle kommen, sonst hätten wir es schon lange sein lassen.
Chris Evert, eine der erfolgreichsten Tennisspielerinnen aller Zeiten hat diese Charaktereigenschaften bewusst gespielt, wie eine professionelle Schauspielerin. Und auch wir können das tun. Es fängt damit an, den Kopf hoch zu tragen, statt trübselig auf den Boden zu starren, wenn’s mal nicht so läuft. Eine solch kleine Änderung in der Körperhaltung kann von aussen nach innen wirken, unsere Stimmung und das Spiel grundlegend mitbestimmen. Nach aussen lächeln bewirkt ein inneres Lächeln. So wie ich nach aussen auftrete, nehme ich mehr und mehr innen wahr, denn die Trennung zwischen aussen und innen ist auch nur in der Vorstellung. Mein Empfinden und Fühlen kann ich selber steuern und regulieren. Mal brauche ich mehr Ruhe, mal mehr Aktivierung. Und dann ist es wichtig zu wissen, was mir hilft, mein Wohlfühlprogramm bereits einige Male geübt zu haben und darauf vertrauen zu können, dass es funktioniert. So lernen wir, die Psyche selber zu regulieren und zu steuern.
Viele Golfer zerbrechen sich den Kopf, sprechen mit sich selber, in der ersten oder in der dritten Person, „was mach ich denn“, „ich kann das nicht“, „die Eisen kannste einfach nicht schlagen, Joggeli“, „das ging letztes Mal schon nicht“, „mit dem Fairwayholz klappt das einfach nie“.
Muntere dich selber auf und klopfe dir auch mal auf die Schulter: Weg mit dem Schlechtreden, her mit gezielten, selbst bestärkenden Selbstgesprächen.
Erstveröffentlichung: GolfCult, Ausgabe Herbst/Winter 2014/15.
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