Golf und Flow

Schaue ich mir auf youtube Interviews an mit PGA und LPGA Sieger/-innen, stosse ich immer wieder auf Aussagen wie „ich spielte Schlag für Schlag – ich dachte an nichts anderes – ich konzentrierte mich voll auf den Moment – ich blendete alles andere aus – ich widmete mich voll der Aufgabe – ich war voller Hingabe – ich vergass mich selber – ich war in the Zone, in the Bubble, im Flow“.

 
Golf spielen im Flow führt zu besseren Resultaten. Im Sommer dieses Jahres habe ich dazu 81 Golfer/-innen per SurveyMonkey online befragt. Die allermeisten Golfer/-innen spielen im Flow besser als ihr Handicap und oder spielen ihr Handicap.
Über 90% aller Antwortenden kennen das Flow-Gefühl. 8 von 81 wollten das Gefühl nicht kennen. Fünf sprachen dann aber doch davon, es beim Golfspielen schon erlebt zu haben. Nur drei Antwortende haben beide Fragen negativ beantwortet.
Golfspielen löst bei manchen Golfspielern sehr oft das Flow-Gefühl aus. Von daher wohl der Ausspruch: „Haben Sie noch Sex oder spielen Sie schon Golf.“ Wobei dieser spätestens seit Tiger Woods’ unzähligen Sexaffären bezüglich Sex widerlegt ist.
Im Flow zu sein macht Spass, alles läuft wie von alleine, das Selbstvertrauen ist da, das Resultat stimmt: Ein solches Spiel ist befriedigend.
Der Begriff Golf spielen in „The Zone“ existierte in der Golf-Community lange bevor Mihaly Csikszentmihaly (1975) erstmals das Flow-Konzept vorstellte. Umschrieben wurde The Zone als psychologischer Zustand, der fünf Schlüssel beinhaltet: Selbstvertrauen, Fokus, Freude, Ruhe, Entzücken. Literarisch aufgenommen wurde „The Zone“ als mystisches Erleben im Buch „Golf in the Kingdom“ (Murphy, 1971). Im Golf ist „The Zone“ ein Synonym für Flow, während Künstler von der Muse geküsst werden.
„Flow ist das Gefühl, eins zu sein mit sich und dem, was man tut. Man ist völlig konzentriert, fokussiert sein Ziel. Körper und Geist arbeiten perfekt zusammen. Flow-Erlebnisse machen stark und glücklich: Eigene Grenzen sind überwindbar, nichts scheint unmöglich.“ Die Flow-Komponenten nach Csikszentmihaly & Jackson (Flow im Sport, 2000) sind: 1. Balance zwischen Herausforderung und Können, 2. Normale Bewusstheit überschreiten: Körper und Geist sind eins, 3. Klare Zielsetzung, 4. Feedback nutzen, 5. Konzentration auf die Aufgabe, 6. Sich in Kontrolle fühlen, 7. Spass haben, 8. Subjektive Wahrnehmung der Zeit, 9. Autotelisches Erlebnis.
Die Balance zwischen Herausforderung und Können ist die zentrale Komponente.
 
Die Herausforderung, die noch gestern zu unseren Fähigkeiten passte und gestern zum Flow führte, muss heute und immer wieder neu gefunden werden. Ein Tennis-Player braucht einen in etwa gleichstarken Gegner, um die passende Herausforderung zu finden.
Ein Golf-Player spielt immer auch gegen sich selber (sein HCP) und er ist immer auf der Suche nach seinem optimalen Spiel. In anderen Sportarten kann sich ein Sportler mit seiner Bestleistung messen oder sich gemäss Tagesform ein Tagesziel setzen, um die Herausforderungen mit seinen aktuellen Fähigkeiten auszubalancieren.
Leistungssport Golfer brauchen an Strokeplay Ligaspielen meistens in etwa doppelt so viele Schläge über Par wie ihnen ihr HCP vorgeben würde (Aussage Spielleiter DTGR). Nehmen sich diese Leistungssportler vor, an einem Ligaspiel ihr HCP zu spielen, werden sie wohl oder übel meistens enttäuscht. Aber nicht nur das: Sie vergeben sich mit diesem sehr hoch gesteckten Ziel und dem unflexiblen daran Festhalten („jetzt erst recht“, oder „jetzt spiele ich nur noch Par, nur noch Birdies“) meistens die Chance in den Flow zu kommen und dann vielleicht doch noch ihr Handicap zu spielen.
Von einem schlechten Start sollte sich kein Golfer entmutigen lassen. Eine Runde dauert plus minus 4 bis 5 Stunden, da kann sich sehr vieles schnell ändern. Statt sich zuviel vorzunehmen empfiehlt es sich, die Anforderung und die Herausforderung der Tagesform anzupassen, indem unmittelbares Feedback genutzt wird. Damit entsteht eine reelle Chance, in den Flow zu kommen und mit der Leistung über die Tagesform hinauszuwachsen. Konkret heisst das: Tagesziel flexibel zurückschrauben, sich bei jedem Schlag vielleicht geringere, dafür gut lösbare Ziele vornehmen. Das unmittelbare Feedback bei jedem Golfschlag macht es leicht, für den nächsten Schlag ein erreichbares Ziel zu setzen. Werden die Schlag-Ziele erreicht, wird das Selbstvertrauen gestärkt und können die nächsten Ziele mit wachsendem Vertrauen besser und besser erreicht werden. Damit wird der Golfer Master of Desaster.
Von den Golfern meiner Umfrage, die das Flow-Gefühl kennen, setzen 38% „bewusst“ sportpsychologische oder mentale Techniken ein und 34% „vielleicht unbewusst“, gegenüber 13% „bewusst“ und 25% „vielleicht unbewusst“ der Golfer, die das Flow-Gefühl nicht kennen. Will heissen sportpsychologische und mentale Techniken einsetzen ist sicher nicht falsch.
Golfer, die angeben sportpsychologische oder mentale Techniken bewusst oder unbewusst einzusetzen, lassen sich von einem schlechten Start weniger aus dem Konzept bringen als Golfer, die eher keine sportpsychologischen oder mentalen Techniken anwenden. Letztere wissen zudem weniger, was sie können und was sie nicht können und sind dann wohl weniger in der Lage z.B. die Ziele bezüglich Anforderungen der Tagesform anzupassen.
Ich erwartete eine negative Korrelation zwischen Angst oder Wut und Flow, konnte jedoch keinen entsprechenden Zusammenhang finden.
Golfer, die aussagten oft oder manchmal Angst zu haben, denken öfter an das Endresultat. Weiter sind sie verglichen mit Golfern, die selten oder nie Angst haben, weniger in der Lage, ihre Psyche zu regulieren.
Angst kann mit Tournier-Routine bewältigt werden, das sagt einem praktisch jeder Golf-Pro. Jedoch braucht es dazu eher sehr viele Turniere, sprich mehr als 40 im Jahr, gemäss der Daten meiner Umfrage.
Golfer, die Angst haben, beschäftigen sich damit, was andere von ihnen denken, es geht ihnen bei jedem Schlag sehr viel durch den Kopf, sie zählen mehr mit, denken öfter ans Endresultat, können störende Gedanken kaum stoppen und regen sich mehr über Fehler auf, dies im Vergleich zu Golfern, die selten oder nie Angst haben.
Entgegen meinem Vorurteil, Männer würden eher in Rage geraten und Frauen hätten mehr Angst, liefert die Umfrage nicht gross Hinweise in dieser Richtung: Frauen geraten genauso in Wut wie Männer und Männer haben auch mal Angst, nicht nur die Frauen.
Frauen setzen verglichen mit Männern eher Aktivierungs- oder Atemtechniken ein.
Männer stellen sich gerne ihre Erfolge vor, öfter als Frauen das tun. Diese sollten vielleicht damit beginnen, dann würden sie entschlossener und selbstbewusster Schlagen.
Knapp die Hälfte meiner Golfer-Probanden spielen 12 Jahre und länger Golf, einige davon spielen schon seit weit über zwanzig Jahren Golf, und ein paar sind erst seit ein paar Jahren dabei.
Die HCPs verteilen sich in Prozentanteilen wie folgt:
Die HCPs meiner Probanden sind sehr viel besser als z.B. im deutschen Durchschnitt:
Quelle: http://www.golf-vergleich.de/golf-ratgeber/19/85/Statistik-Die-Handicap-Verteilung-in-Deutschland.html
Ich habe Kategorien nach HCP und Anzahl Jahren gebildet, kam aber darüber zu keinen schlüssigen Befunden, ausser dass Golfer, die schon lange spielen, nicht zwingend ein sehr gutes HCP haben.
Vieles kann dabei helfen, die eigene Stimmung ins Positive zu ändern, sagen die 81 Golfer/innen: Erinnerungen an gute Momente, gute Schläge, gespielte Birdies und gute Rettungen z.B. in Form von Bildern oder gutem Zureden oder positivem Denken. Abhaken, vergessen, auch mal lächeln. Neue Ziele setzen, fokussieren, sich beruhigen, sich verpflegen mit den richtigen Snacks, sich aufputschen.  Das Ganze relativieren, richtig einordnen: Golf ist ein Spiel. Positiv realistisch denken, bei sich bleiben. Spass und Freude haben.
 
Um gut Golf zu spielen hilft den befragten Golfern eine gute Vorbereitung und genügend Zeit vor einem Turnier, es hilft regelmässiges Training, Fitness, gutes Wetter, ein netter Flight, dass einem der Golfplatz liegt und dass der Spielfluss läuft. Weiter helfen Ruhe, Konzentration, Selbstvertrauen, Ausgeglichenheit, die Tagesform, das Körpergefühl, die richtige Mischung aus Spannung und Entspannung, sodass der Schwung locker scheint, Selbstbewusstsein und dann auch, was sich zwischen den Ohren im Kopf über die Gedanken abspielt.
Viele der meist genannten Wörter sind Umstände, die wenig beeinflusst werden können: das Wetter, Glück, die Flightpartner, die Mitspieler. Auf all dies müssen sich Golfspieler/-innen bewusst einlassen und sich darauf einstellen.

Und was hilft denn nun in den Flow zu kommen?

Konzentration und Fokussieren wurden oft genannt, ebenso frei von Gedanken und im Moment sein, abschalten vom Alltag. Ruhe sei förderlich. Das Spiel geniessen, ein Commitment eingehen, Selbstvertrauen, Bescheidenheit. Ein Tagesziel zu haben: und wie wir gesehen haben spielt dabei die Anpassung an die Tagesform eine Rolle.
Etwas überrascht war ich, den Ausdruck Dankbarkeit nicht zu finden. Dieser wird bei Workshops oft und gerne genannt. Dankbar dafür, draussen zu sein, in der Natur ein Spiel spielen zu können. Natur kam eher selten vor, im Unterschied zu Wortmeldungen an den Workshops.
Interessant war für mich, dass Konzentration und Fokussierung, Selbstvertrauen sowie Ruhe am ehesten mit Flow in Verbindung gebracht werden: Alles wesentliche Bestandteile sportpsychologischer Techniken.
Manche dem Flow förderliche Komponente wurde benannt – welche jetzt wem in welchem Augenblick am besten hilft, ist und bleibt die grosse Frage. Meine Devise lautet: Ausprobieren und üben, dran bleiben und vor allem Spass haben!
Erstveröffentlichung: GolfCult, Ausgabe Herbst/Winter 2015/16
> weiter mit Golf und Flow, Teil 2: «Ich bin mein eigener Caddie».